Textfeld:

Vom 22. bis 27. August 2007 fand unter der Leitung von Dr. Ludwig Eisenlöffel zum dritten Mal eine Reise nach Serbien statt. Reiseziel war Beschka, ein ca. 8000-Seelen-Dorf, etwa 50 km nordwestlich von Belgrad, direkt an der Donau gelegen. Eisenlöffel ist selbst in Beschka geboren und dort als junger Mensch aufgewachsen. Die Reisegruppe zählte etwa 65 Personen, von denen etwa zwei drittel auch in Beschka geboren waren. Viele von ihnen sind inzwischen weit über achtzig und wollten noch einmal  ihre alte Heimat sehen.

Die anderen Reiseteilnehmer waren Nachgeborene der ersten und zweiten Generation, nach der Flucht und Vertreibung 1944/45, die das Bedürfnis hatten nach ihren Wurzeln zu suchen. 

Dr. Eisenlöffel hatte zusammen mit seiner Frau Ursula ein abwechslungsreiches Programm zusammengestellt. Einer der Höhepunkte fand gleich am ersten Abend im Traditionsraum des Kulturvereins „Altes Beschka“, im Rathaus statt,  nämlich die Verlesung  eines  Grußschreibens der Regionalbischöfin  von  München u. Oberbayern, Frau Susanne Breit-Keßler.

(Foto rechts: Dr. Eisenlöffel verliest den Grußbrief u. wird von einer Dolmetscherin übersetzt. Rechts im Bild der Vorsitzende  des Kulturvereins, Dusko Stoisic, Foto: Links:  Regionalbischöfin S. Breit-Keßler)

Hier ihr Brief im vollen Wortlaut:

                                       Grußschreiben der Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler

                                       An die weltlichen und geistlichen Repräsentanten in Beschka/ Srem - Serbien,

                                       sowie an den Verein ‚Altes Beschka’

 

                                       Der Friede Gottes sei mit allen, die diese Zeilen lesen.

 

                                       Als Regionalbischöfin im Kirchenkreis München und Oberbayern, und Mitglied der Kirchenleitung                                          der Evangelisch lutherischen Kirche in Bayern grüße ich die Menschen in Beschka über alle                                                 konfessionellen Grenzen hinweg, aufs Herzlichste.

Ich tue dies aus einer historischen Verbundenheit heraus, denn drei ehemalige Beschkaer Pfarrer sind nach dem zweiten Weltkrieg in den Dienst unserer Bayerischen Landeskirche getreten und haben einen segensreichen Dienst getan. Diese waren: Pfarrer Karl Peter (Riedenburg), Pfarrer Heinrich Bubenheimer (Steinsfeld bei Rothenburg/ Tauber) und Pfarrer Julius Sperling Rain/ Lech).

Wir in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern setzen uns ein für eine aufrichtige Auseinandersetzung mit der Geschichte. Wir wissen und halten im Gedächtnis, welche Schuld Deutsche unter der Nazi-Diktatur auf sich geladen haben. Von Deutschland ging der Zweite Weltkrieg aus und hat Leid über Europa gebracht, auch über Ihr Land. Wir gedenken dieses Leides bei uns in der bayerischen Kirche vor allem in der Gedenkstätte des ehemaligen KZ Dachau, in dem es auch serbische Gefangene gab. Sie alle schließen wir dort immer wieder in unser Gebet. Ich erinnere daran, dass Adolf Hitler am 6. und 7. April 1941 Belgrad bombardieren ließ. Viele tausend Menschen kamen zu Tode. Als Folge des Zweiten Weltkriegs verloren Deutsche aus Beschka, die hier seit dem 18. Jahrhundert ansässig waren, ihre Heimat und wurden vertrieben.

Als Christinnen und Christen haben wir die Aufgabe, begangene Schuld und zugefügtes Leid nicht zu vergessen. Wir leben aber auch aus der Zuversicht heraus, dass schmerzhafte Wunden nach vielen Jahrzehnten mit Gottes Hilfe dort beginnen dürfen zu heilen, wo Menschen einander begegnen und sich die Hände zur Versöhnung reichen. Aus diesem Grund unterstützt die bayerische Landeskirche jede Initiative, die als Symbol für Frieden und Versöhnung und der Verständigung zwischen unseren Völkern dient.

Mein besonderer Dank gilt dem Heimatverein „Altes Beschka“ und den Ortskirchengemeinden, sowie allen Menschen vor Ort, ebenso Herrn Dr. Ludwig Eisenlöffel und seiner Frau Ursula, die durch ihren freundlichen tatkräftigen Einsatz es möglich gemacht haben, den alten deutschen Friedhof wieder herzurichten und damit ein Stück Geschichte im Gedächtnis dieses ehrwürdigen Ortes lebendig zu erhalten.

Am Sonntag, den 26. August 2007, wird auf dem alten deutschen Friedhof ein Gottesdienst stattfinden, an dem neben einer deutschen Reisegruppe die Vertreter der serbisch- orthodoxen und der römisch- katholischen Ortskirchengemeinden, die Vertreter des Heimatvereins ‚Altes Beschka’ sowie kommunale Vertreter teilnehmen werden. Der Gottesdienst, in dem auch eine Gedenktafel eingeweiht werden soll, wird gehalten von einem Beschkaer Nachfahren, Herrn Karl-Heinz Wendel, Dekan in Fürstenfeldbruck. Ich unterstütze dieses Vorhaben als ein Zeichen des Friedens und der Versöhnung und danke allen Verantwortlichen in Beschka, die daran mitgewirkt haben, dass diese wertschätzende Geste möglich geworden ist.

Ich wünsche allen Beteiligten im Namen unserer Kirchenleitung einen gesegneten Gottesdienst, sowie gute Begegnungen, dass Vertrauen wachsen kann, Freundschaften entstehen, Brücken von beiden Seiten gebaut werden und Schritte des Friedens in eine gemeinsame europäische Zukunft möglich werden.

 

Der Friede Gottes der höher ist als alle Vernunft, bewahre Ihre Herzen und Sinne in Christus Jesus.

 

Mit herzlichen ökumenischen Grüßen

Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler

Oberkirchenrätin im Kirchenkreis München u. Oberbayern und

Ständige Vertreterin des Landesbischofs

 

Exkursion nach Novi-Sad

Bei Novi-Sad (deutscher Name: Neusatz) handelt es sich um  die etwa 20 km entfernte Hauptstadt der Wojwodina. Von Beschka aus führt der Weg durch die leicht hügelige Landschaft, über die „Freiheitsbrücke“ der Donau direkt in die etwa 300.000 Einwohner zählende Stadt.

Das Wappen von Novi-Sad zeigt die Donau mit der dahinter liegenden Festung Petrovaradin und einer Friedenstaube mit einem Olivenzweig im Schnabel.

Novi-Sad, im Jahre 1694 unter dem Habsburger Prinz Eugen von Savoyen gegründet, wechselte im Laufe der Geschichte des Öfteren die Herrschaftssysteme.

Nach der langen Zeit der Regentschaft durch die Habsburger (Donaumonarchie), gehörte es ab 1929 zum Königreich Jugoslawien. Von 1941-45 war die Stadt von den ungarischen Faschisten besetzt, bis dann mit der Tito- Ära der Bundesstaat Jugoslawien entstand. Dieser, obwohl zu den blockfreien Staaten gehörend, wurde nach dem Zusammenbruch des Warschauer Pakts und des gesamten Ostblocks, Anfang der 90er Jahre ebenfalls von der Auflösung in die Nationalstaaten betroffen. Novi-Sad ist neben der Hauptstadt Belgrad, die zweitgrößte Stadt in Serbien.

Geblieben, gut erhalten und frisch restauriert ist das im barocken Baustil erbaute Stadtzentrum. Es bietet ein bezauberndes Ambiente, Der Marktplatz, umgeben von Rathaus und Verwaltungsgebäuden mit der gegenüberliegenden römisch-katholischen Kathedrale bildet gewissermaßen ein „Tor“ zur Fußgängerzone die zum Shoppen und zu allerlei Gaumenfreuden einlädt.

Die auf der rechten Donauseite gelegene Festung Petrovaradin (deutscher Name: Peterwardein) ist eine in der Zeit von 1692  bis 1780 errichtete Festung, die sich vor allem gegen die Angriffe der Osmanen als unüberwindbares Bollwerk erwiesen hat.

Die Festung beherbergt ein Museum  sowie verschiedene Restaurants und ist ein beliebtes Ausflugsziel.

Die im Museum dargebotenen Ausstellungen zeigen Exponate aus den jeweiligen Epochen.

 

Beschka

„Die alten Straßen noch, die alten Häuser noch, die alten Freunde aber sind nicht mehr…“, so besingt Peter Gripekoven die Situation des Emigranten der nach Jahrzehnten zurückkehrt, sich zwar noch auskennt aber sich als Fremder fühlt.

Nun ganz so fremd mussten sich die ehemaligen deutschen Beschkaer ganz und gar nicht vorkommen, denn die Mitglieder des Kulturvereins „Altes Beschka“ taten alles in Ihrer Macht stehende, damit sich die Reisegruppe wohl fühlen konnte. Zwei hübsche junge serbische Mädchen, begrüßten die Ankommenden am Eingang zum „Hotel Centar“ (Foto 2.re.) mit einem freundlichen „dobar dan!“ und reichten als Willkommensgruß Brot und Salz (Foto li).  Im Hotel wartete dann ein wohlschmeckendes Begrüßungsbuffet und erfrischende Getränke. Bei einem guten Schluck Beschka– Wein waren alle Strapazen der Reise bald vergessen. 

Das Gefühl in Beschka wirklich willkommen zu sein, hat sich während des gesamten Aufenthaltes immer wieder bestätigt. Jede freie Minute wurde ausgenützt um in Beschka unterwegs zu sein, sei es um das alte Haus aufzusuchen in dem man einmal gewohnt hatte oder das Nachbarhaus. Die älteren Herrschaften beherrschten die serbische Sprache meist noch sehr gut, so dass es keine Verständigungsprobleme gab.

 

Natürlich wohnen in der Zwischenzeit viele neue Familien in den alten Häusern, zum Teil schon in der dritten Generation. Immerhin sind seit der Flucht im Oktober 1944, dreiundsechzig Jahre vergangen. Um so mehr erstaunt es, wenn viele bei ihren Besuchen feststellten, dass sie ihre Häuser noch erkannt haben.

Rührende Szenen spielten sich zum Teil ab. Manche haben sich ja bereits zwei oder schon drei Mal gesehen. Einladungen auf einen Kaffee oder einen Schnaps haben sich ergeben, längere ausführliche Unterhaltungen, Verbrüderungen und manche aufgewühlte Seele, wenn die Erinnerungen an alte Zeiten zurück kamen.

 

Auf den Spuren der Familien Wendel und Henn

Bei meinem Bruder Günther und bei mir waren es keine Erinnerungen, denn wir sind beide Nachgeborene. Doch vieles aus den Berichten unserer Eltern und Großeltern hatte sich in unseren Vorstellungen eingebrannt, so dass auch wir uns aufgemacht haben, die Häuser zu finden in denen Eltern, Großeltern und Verwandte gelebt haben. So suchten wir z.B. die Mala-Ruma auf (Fotos re.), wo die Großmutter Susanne Henn (Witwe) mit ihren vier Kindern lebte, das jüngste von ihnen war unsere Mutter Hildegard. Nicht weit davon entfernt wohnte einst die Familie Phillipp Henn, sie betrieben ein Lebensmittelgeschäft.

Wir mussten auch unbedingt in die Maradiker Gasse (Fotos li), wo die Großeltern Phillipp und Elisabeth Wendel mit ihren neun Kindern lebten, von denen unser Vater Heinrich der viertjüngste war. Wir mussten auch Wege gehen auf denen sie gegangen sind, zum Einkaufen, in den Weingarten, „auf die Gemeinde“ (zum Rathaus), „in die Kärch“ (in die Kirche) oder in die „Versammlung“ (die Gebetsstunde der Pfingstgemeinde), im so genannten „Gässchen“, oder in „Huwers Wärtshaus“ (Hubers Wirtshaus), das einst genau gegenüber der serbisch-orthodoxen Kirche lag.

 

Die deutschen Kirchbauten im Ort, sowohl die lutherische als auch die reformierte Kirche, existieren leider nicht mehr. Sie wurden unmittelbar nach der Vertreibung der Deutschen abgerissen, sicherlich deshalb, weil man die „Verursacher des zweiten Weltkrieges“ damals endlich loshaben wollte. Mit der Beseitigung ihrer religiösen Symbole meinte man dieses Kapitel endlich zuschlagen zu können.

Der einzige noch erhaltene, noch ganz im ursprünglichen Zustand sich befindende sakrale Raum - die alte Lampe, der alte Ofen die Bänke, alles ist noch vorhanden - ist der Gottesdienstraum der Pfingstgemeinde (Fotos li.). Er ist im Privatbesitz und soll mit Hilfe des Kulturvereins als Kulturdenkmal erhalten bleiben.

 

An so manchen Häusern im Ort konnte man sehen, dass Ihre heutigen Besitzer großes Interesse hatten die alte Bausubstanz zu erhalten. Die frisch restaurierten Fassaden, kunstvoll restaurierten Kapitelle, Hofeingangsportale und Haustüren sind nicht nur Beispiele der Wertschätzung gegenüber ihren einstigen Erbauern, sondern auch Beispiele für ein tieferes Geschichtsverständnis gegenüber einer Epoche (1860—1944) die trotz des Erlittenen Unrechts eine viel größere Zeitspanne eines gelungenen Miteinanders zwischen Serben und Deutschen umspannt, als dies in den Jahren zwischen 1939 und 1944 der Fall war.

Unsere Reise trug den Charakter des Versuches einer Versöhnung, bei dem man nicht zulassen wollte, dass der zweite Weltkrieg und die daraus resultierende Vertreibung der Schlusspunkt dieser Epoche sein sollte. 

 

Ein für sich selbst sprechendes Beispiel stellt das alte „Börnerhaus“ in der langen Gasse dar, deren heutige Besitzer, ein junges Künstlerehepaar,  sich nicht nur um die Erhaltung der Bausubstanz bemühen, sondern sich in geschmackvoller Weise auch bei der Innenausstattung, bis hin zu Einrichtung und Mobiliar, an der Historie orientieren. Es ist eine große Liebe zum Detail spürbar. Die Krönung besteht in dem sorgfältig wiederhergestellten Gewölbe des Weinkellers, der für jeden Weinbauern zum unentbehrlichen Bestandteil seines Broterwerbs gehörte.

Der abendliche Genuss eines guten Tropfen Bescka– Weines gehörte in Erinnerung an unseren Wendelgroßvater der selbst Weinbauer in Beschka war, zu den unvergesslichen Erlebnissen von uns Wendelbrüdern.

Gottesdienst auf deutschem Friedhof Beschka

Der Höhepunkt der Reise war sicherlich der ökumenisch geprägte Gottesdienst auf dem ehemaligen deutschen Friedhof in Beschka. Auf Initiative des Ehepaares Eisenlöffel wurde im Zusammenwirken mit dem bereits erwähnten Kulturverein „Stara Beska“ der alte Friedhof vom Gestrüpp gereinigt, die Gruften und Grabsteine wieder lesbar hergerichtet, mehr als einhundert Tujen gepflanzt und eine Gedenktafel angebracht, die in diesem Gottesdienst feierlich eingeweiht werden sollte. Viele Alt-Beschkaer haben dafür gespendet.

Der Gottesdienst wurde gehalten vom evang.- luth. Dekan aus Fürstenfeldbruck, Karl-Heinz Wendel (Autor u. Betreiber der Website) und wurde vom Regionalfernsehen Indja übertragen. Er fand statt unter der Beteiligung der Ortsgeistlichen der römisch-katholischen und der serbisch-orthodoxen Gemeinden. Die Predigt und die Gebete sowie die Beiträge der serbischen Pfarrer wurden übersetzt von der ehemaligen Beschkaer Schulleiterin und Dr. Eisenlöffel.

Es war das erste Mal, dass die beiden Ortspfarrer in einem Gottesdienst gemeinsam aufgetreten sind. Die Lieder begleitete Dr. Eisenlöffel auf der Gitarre. Zahlreiche Einheimische nahmen am Gottesdienst teil. Ein kleiner Schritt auf dem Weg zur Versöhnung ist mit dieser Reise möglich geworden. Andere müssen folgen.

 

 Die Wendel-Familie weltweit………

Reise nach Beschka im August 2007

(Bericht mit Bildern zum Text von Karl-Heinz  Wendel)